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Freitag, 17. November 2017
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“Kinder dürfen keinen Verzicht bedeuten”

1 Kinder dürfen keinen Verzicht bedeuten

Helmut Denk (links), Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, und Günter Stock, Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, haben in Wien die DACH-Studie "Zukunft mit Kindern" als Buch vorgestellt. Copyright: fotodienst.at/S. Renlom

Forscher unterstreichen Elternwohl und fordern Grundsicherung.

“Kinder zu haben, ist eine Freude und darf keinen Verzicht bedeuten”, so Günter Stock, Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschafte, bei der Präsentation des Buches “Zukunft mit Kindern”. Es müsse der Gesellschaft auch um das Wohl der Eltern gehen, denn “versäumte” Kinder würden zwischen 30 und 40 nur mehr teilweise “nachgeholt”. Die biologischen Tatbestände jedenfalls haben sich laut Stock nicht verändert.

Mythen Ende bereiten

Im historischen Kontext ist die hohe Kinderlosigkeit heute von rund 20 Prozent kein neues Phänomen, weiß der Fachmann. Auch gebe es keinen zwangsläufigen Zusammenhang zwischen Bildung und Kinderzahl. “In Ländern mit guten Bedingungen wie in Skandinavien unterscheidet sich der Anteil Kinderloser zwischen den Bildungsgruppen kaum. Die Erwerbstätigkeit von Müttern ist ebenfalls kein Grund für niedrige Geburten – im Gegenteil.” Auch sei die Fertilität von Immigrantinnen niedriger als kolportiert und liege in der DACH-Region unterhalb der Bestandserhaltung von 2,1 Kindern pro Frau.

Den Wissenschaftlern zufolge wird andererseits der sogenannte “Fertility Gap” zwischen geplanter (zwei Kinder) und realisierter Kinderzahl von 1,5 in familienpolitischer Hinsicht überschätzt. “Nicht nur in der DACH-Region zeigt sich, dass gerade eine geringe Kinderzahl mit einer hohen Wertschätzung von Familie und elterlicher Verantwortung einhergehen kann”, meint Stock. Die Kinderzahl der um 1975 geborenen Frauen werde aktuell auf 1,6 Kinder je Frau geschätzt. Stock: “Der seit Jahrzehnten in Europa erfolgte Rückgang an Geburten ist demnach zu Ende.”

Druck auf Zeitpolitik

Familienpolitisch empfehlen die Wissenschaftler monetäre Maßnahmen weiter in Richtung Zeitpolitik auszudehnen. Auch sollten bisherige Karrieremuster in einer Lebenslaufperspektive überdacht werden wie etwa Teilzeitmodelle für Hochqualifizierte. “Familienzeitmodelle sollten sich ausdrücklich, nicht nur formal, an beide Elternteile richten”, betont das Autorenteam. Im Rahmen der Geldpolitik sollten finanziell schlechter gestellte Familien mehr profitieren können als bisher und Transferleistungen quasi zur universellen Kindergrundsicherung werden.

Die Infrastrukturpolitik sollte mit ihrem Dienstleistungsangeboten das Wohl von Kindern wie Eltern den gesamten Lebenslauf über zum Ziel haben und die pädagogische Qualität der außerhäuslichen Kinderbetreuung noch mehr steigern. Dazu zählen die Experten neben einer familienfreundlichen Stadtentwicklung ohne räumliche Verinselungen auch flächendeckende Ganztagsangebote für Schüler bis hin zu einer familienbezogenen Erweiterung des Gender Mainstreaming.

Screenings sinnvoll

Aus gesundheitspolitischer Sicht ist der Schutz von Samenspendern zu gewährleisten und auch Paaren der finanzielle Zugang zu ART-Behandlungen zu erleichtern, so die Forderung. Zudem sollten Altersgrenzen wegen fehlender Rationalität zumindest überprüft werden. Sinnvoll finden die Experten bei Screenings von Clamydia trachomatis Frauen bis zum 30. Lebensjahr einzubeziehen wie auch Männer – sogar mit Meldepflicht. Gleichfalls müsse das Screening von Schwangerschaftsdiabetes eingeführt und die Frauenheilkunde an den Universitäten gestärkt werden.

pte

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