Flagge Österreich Flagge Österreich
Donnerstag, 23. November 2017
Besser Länger Leben » Ernährung » Alte Gesellschaft braucht Mobilität und Autonomie

Alte Gesellschaft braucht Mobilität und Autonomie

 Alte Gesellschaft braucht Mobilität und Autonomie

Foto: fotodienst.at/Rauchenberger

Ärzte warnen vor Knochenbrüchen und Mangelernährung bei Senioren.
Europas Lebenserwartung hat sich seit 1900 verdoppelt. Der neue Lebensabschnitt zwischen 60 und 100 stellt die gesamte Gesellschaft vor Herausforderungen, deren Tragweite noch zu erfassen und Lösungen umzusetzen sind. Etwa die Medizin braucht ein völlig neues Denken, zeigen Experten am heutigen Dienstag in Wien bei der Präsentation der Kampagne “Aktiv Altern” http://aktivaltern.at im EU-Jahr für aktives Altern und Solidarität zwischen den Generationen 2012 (EJAA). Die beiden Zukunftsthemen: Mobilität sowie Autonomie, die mit dem Hinauszögern der Pflegebedürftigkeit einhergeht.

“Es ist noch nicht eindeutig geklärt, ob sich der Beginn der Pflegebedürftigkeit parallel zur Lebenserwartung verschiebt oder ob der Pflegebedarf linear steigt”, betont Angelika Rosenberger-Spitzy, Chefärztin im Fonds soziales Wien und Botschafterin des EJAA. Gelingt es, das pflegebedürftige Alter nach hinten zu verschieben, hebt dies die Selbständigkeit und Lebensqualität des Einzelnen und entlastet die Gesellschaft enorm. Nötig sei dazu jedoch vor allem, bei zwei Hauptproblemen – Gebrechlichkeit und schlechter Ernährung – anzusetzen.

Eiweiß und Sport gegen Stürze

Je älter ein Mensch wird, desto gefährlicher und häufiger sind Stürze. Jährlich stürzen laut WHO 30 Prozent der Über-65-Jährigen und 50 Prozent der Über-80-Jährigen. Die häufigste Komplikation ist der Oberschenkelhalsbruch, der allein in Österreich jährlich 16.000 Mal auftritt. “Stürze und Brüche sind Folge der Osteoporose, doch auch des Muskelverlustes, der Mangelernährung und der allgemeinen Gebrechlichkeit”, erklärt Klaus Hohenstein, Facharzt für Physikalische Medizin und Geriatrie. Jeder Siebte über 65 ist gebrechlich, problematischer Muskelschwund (Sarkopenie) betrifft bei Über-80-Jährigen jeden Zweiten.

Das beste Gegenmittel ist Prävention, wobei man etwa im Haushalt durch Meiden schlechter Beleuchtung, unebener Bodenniveaus oder rutschender Teppiche schon viel erreicht. Doch auch Gleichgewichts-, Kraft- und Ausdauertraining – Hohenstein fordert ein mit dem Zähneputzen vergleichbares, tägliches Bewegungsprogramm – sowie Augenmerk auf die Ernährung machen sich bezahlt. “Im Alter braucht der Mensch zusätzliches Eiweiß, wobei sich Eier, Hülsenfrüchte, Pilze oder Wildreis besonders gut eignen”, erklärt Rosenberger-Spitzy im Gespräch.

Verhungern im Überfluss

In der Ernährungs-Debatte sollte neben Adipositas auch der Ernährungsmangel bei Krankheiten und im Alter gesehen werden, fordern die Experten einhellig. Denn im Alter können zusätzliche Kilos auch ein Vorteil sein, ein niedriger Body-Mass-Index hingegen ein Risiko: “Jeder Tag ohne Essen baut 300 bis 500 Gramm Muskeln ab, deren erneuter Aufbau mühsam und zeitintensiv ist. Rund um Spitalsaufenthalte reduzieren die meisten Patienten ihre Nahrungsaufnahme, was das Risiko des frühzeitigen Todes sowie der Pflegebedürftigkeit bei Senioren enorm hebt”, sagt Michael Hiesmayr, Experte für Klinische Ernährung am AKH Wien.

30 Mio. Mangel- und Unterernährte gibt es in Europa, zeigen aktuelle Zahlen.

Um fehlende Nahrungsaufnahme rechtzeitig zu erkennen, drängt Hiesmayr Ärzte, Pflegeeinrichtungen, Angehörige und ältere Menschen selbst zu erhöhter Aufmerksamkeit. “Wenn Kleidung plötzlich zu weit wird und das Körpergewicht ungewollt sinkt, der Appetit über Wochen nachlässt oder auf dem Teller stets Essen übrig bleibt, kann dies ein Warnsignal für Mangelernährung sein”, so der Experte.
pte

Share