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Freitag, 17. November 2017
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Gesundheitssysteme Europas sind krank

 Gesundheitssysteme Europas sind krank

Foto: EHFG

European Health Forum diskutiert Möglichkeiten von mehr Effizienz.

Bad Hofgastein – Unnötige Verschreibungen, zu viele Untersuchungen, teure Systeme: Vieles läuft schief in den Gesundheitssystemen Europas. Angesichts der zugespitzten Budgetlage in den Ländern muss die Versorgung deutlich effizienter gemacht werden, betonen Gesundheitsexperten bei der Eröffnung des 14. European Health Forum Gastein. Der wichtigste gesundheitspolitische Kongress Europas steht dieses Jahr unter dem Motto “Innovation & Wellbeing – Europas Gesundheit in 2020 und darüber hinaus”.

Krankes System

EFHG-Präsident Günther Leiner bringt einige der Probleme auf den Punkt: “Wir jammern darüber, dass die Versorgung nicht mehr finanzierbar ist – und gleichzeitig gibt es das Phänomen der Überbehandlung. Senioren ab 75 nehmen im Schnitt acht Medikamente pro Tag ein, Rückenschmerzen werden viel zu häufig operiert und oft wird unnötig mit teurer CT- oder MRT-Messung diagnostiziert.” In den USA gibt es einen starken Trend in Richtung Defensivmedizin: 34 Prozent der Gesundheitsausgaben sind Diagnosen und Therapien, die Ärzte vor Klagen schützen soll. In abgeschwächter Form gebe es dies bereits auch in Europa.

Zu den Fehlentwicklungen, die den “Virus” ins System gebracht haben, zählt Leiner falsche finanzielle Anreize. “Manchmal sollte man medizinische Dienste lieber dafür belohnen, wenn sie nicht behandeln. Die Gesundheit wird immer mehr zum Konsumgut, und ein Anspruchsdenken macht sich breit. Es scheint deshalb oft, als ob ein Virus in unserem Gesundheitssystem steckt.” Das medizinische Überangebot bedrohe die Finanzierbarkeit notwendiger Leistungen und werde somit zum Nachteil für die Patienten.

Erste Länder kürzen Ausgaben

Sowohl Österreichs Gesundheitsminister Alois Stöger als auch Paola Testori-Coggi, Generaldirektorin für Gesundheit und Verbraucherschutz der EU-Kommission, sprechen sich für die Beibehaltung des Solidargedanken im Gesundheitssystem aus. “Der Zugang aller ist unverrückbarer Teil des Vertrags von Lissabon”, stellt Testori-Coggi klar. Mehr Effizienz sei dennoch dringend nötig, ist doch die Gesundheit nach den Pensionen der größte Ausgabenposten der EU-Länder. Steigen hier auch in den meisten Ländern die Kosten weiter, haben bereits mehrere Staaten wie Portugal, Spanien, Italien und Litauen im Vorjahr erste Einschnitte gewagt.

Früherkennung und Prävention

Die EU will die Effizienz im Gesundheitswesen auf zwei Wegen steigern, erklärt Testori-Coggi im Interview. Die frühe Diagnose von Krankheiten gehört dazu, die durch technische Innovationen wie Telemedizin, verbessertes Screening oder Patientenmonitoring Vorschub bekommen soll. Der zweite Pfeiler sei die Prävention. “Konkret heißt das Besserungen bei Tabak, Alkohol, Ernährung und Sport, also der Lebensstil. Teils geht es hier um freiwillige Maßnahmen, während bei Tabak strenge Gesetze nötig sind. Denn die EU-Kommission ist überzeugt, dass Tabak keine Wahl, sondern eine Sucht ist.”

Dass mehr Effizienz ohne Einschnitte in der Versorgung möglich ist, belegt Testori-Coggi durch ein Pilotprojekt in der italienischen Provinz Veneto. In einer Region mit knapp 200.000 Einwohnern wurde das Gesundheitswesen reformiert, wobei einige Spitäler geschlossen, neue Exzellenzzentren gebildet und das Hausarzt-System neu strukturiert wurde. Nach dem dreijährigen Prozess verzeichnete die Region jährliche Gesundheitsausgaben von 1.800 Euro pro Person. “Das war deutlich weniger als die 2.400 Euro in einer demografisch ebenbürtigen Vergleichsregion, in der keine Reformen durchgeführt wurden”, so die Expertin.

pte

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