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Sonntag, 17. Dezember 2017
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Reformstau: “Krankheit wertvoller als Gesundheit”

1 Reformstau: Krankheit wertvoller als Gesundheit

Copyright: fotodienst.at/Sarah-Maria Kölbl

Autor Paul Unschuld zeigt EU-weiten Kollaps der Gesundheitssysteme.

“Gesundheit wird zur Ware”, meint Paul Unschuld vom Horst Görtz Stiftungsinstitut für Theorie, Geschichte und Ethik Chinesischer Lebenswissenschaften der Berliner Charité. Auf Einladung des Österreichischen Hausärzteverbandes (ÖHV) http://hausaerzteverband.at referierte der Autor über sein gleich lautendes Buch am Dienstagabend in Wien. ÖHV-Präsident Christian Euler spricht hingegen von einem in der Bevölkerung noch nicht verstandenen gesellschaftlichen Umbruch und bedauert, dass einer vermeintlichen Gesundheitsreform durch den Ausschluss von Ärzten die “praktische Vernunft” fehlt.

Krankenkassen wie Kaufhäuser

Laut dem Historiker und Sinologen Unschuld vollzieht das europäische Gesundheitswesen gegenwärtig einen fundamentalen Wandel. “Aus der nationalstaatlichen Gesundheit von einst wird eine Gesundheitswirtschaft”, diagnostiziert er. “Erstmals in der Geschichte der Zivilisation ist Krankheit volkswirtschaftlich wertvoller als Gesundheit.” Aus Patienten würden Kunden, was auch positiver klinge, und Ärzte zu Dienstleistern. Diese würden Unschuld zufolge deprofessionalisiert oder sogar entmündigt.

Weil die Rendite Einzug ins flächendeckende Gesundheitswesen gefunden habe und Ärzte laut Unschuld aber so nicht zu denken gelernt haben, würden sie an dessen Rand gedrängt und etwa durch die gesetzlichen Krankenkassen übermächtige Konkurrenz erhalten. Die Krankenkassen hätten ihre angestammte Rolle als Mittler zwischen Patienten und Ärzten verlassen und würden durch medizinische Studien ihrerseits sogar für eine Stimmung “Vorsicht Arzt!” sorgen. “Krankenkassen bauen sich Paläste, agieren wie Kaufhäuser und werfen Ärzten Gier vor – das ist absurd”, erregt sich Unschuld.

Gesundheit wieder Selbstzweck

“Das Verkranken von Menschen ist zu einer Krankenkassen-Strategie geworden”, resümiert der Experte. Durch Fallpauschalen, Software mit Pop-ups, Renditezwänge, Umsatzsteigerungen durch vermehrt stationäre Behandlung, Einschränkungen der Patientensouveränität bis hin zum “GAU der elektronischen Gesundheitsakte” werde die intime Arzt-Patienten-Beziehung aufgebrochen und für Manipulationen aller Art anfällig. “Nur naive Geister glauben an diese technischen Innovationen.”

In so einer “Krankheitswirtschaft” erfolgen medizinische Eingriffe laut dem HGI-Vorstand primär aus Renditeüberlegungen und sind weniger gesundheitlicher Notwendigkeit geschuldet. “Gesundheit jedenfalls wurde wieder Selbstzweck – wie schon im 18. Jahrhundert.”

pte

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