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Mittwoch, 23. August 2017
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Rheuma – nicht nur die Gelenke sind betroffen

 Rheuma   nicht nur die Gelenke sind betroffenRheumatag am 26. November in Wien.

“Rheuma betrifft nicht nur die Gelenke”, erklärt OA Dr. Andrea Studnicka-Benke von der Universitätsklinik für Innere Medizin III, Salzburger Landeskliniken anlässlich des Salzburger Rheumatages am 11. Oktober: Tatsächlich kann jedes Organ von Rheuma betroffen sein, und zwar bereits, bevor Beschwerden im Bewegungsapparat auftreten. Auch die Psyche leidet häufig mit.

Der rheumatische Formenkreis besteht aus hunderten verschiedenen Erkrankungen des Bewegungs- und Stützapparates. Einer der Hauptauslöser sind Störungen des Immunsystems. Dabei beginnen fehlgeleitete Abwehrzellen, vermehrt Antikörper gegen körpereigene Gewebe oder Botenstoffe zu produzieren. In der Folge entstehen Entzündungsprozesse in Gelenken, aber auch in anderen Bereichen. Tatsächlich kann jedes Organ von Rheuma betroffen sein, und zwar bereits, bevor Beschwerden im Bewegungsapparat auftreten. Auch die Psyche leidet häufig mit.

Herz-Kreislauf-System

Chronische Entzündungsvorgänge, wie sie u.a. durch autoimmunologische Störungen verursacht werden, sind für den gesamten Körper schädlich. In Blutgefäßwänden kommt es zu Atherosklerose und Durchblutungsstörungen. Die Folgen reichen von Minderdurchblutung bestimmter Areale bis zum kompletten Gefäßverschluss und Organschäden.

Insbesondere die Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System sind fatal. Laut Framingham Risk Score, der das individuelle kardiovaskuläre Risiko bewertet, ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung gleich gefährlich einzuschätzen wie Diabetes. Statistisch gesehen sterben Rheuma-Patienten rund sechs bis zehn Jahre früher, meist an Herzinfarkt oder Schlaganfall. Diverse Veränderungen wie z.B. die Pulswerte sind oft bereits lange vor dem Anstieg von Entzündungsparametern oder dem erstmaligen Auftreten von Gelenksentzündungen messbar. Zusätzlich wird das kardiovaskuläre Risiko durch bei Rheuma häufig eingesetzte entzündungshemmende Schmerzmittel (nichtsteroidale Antirheumatika) und Kortison erhöht.

Rheumapatienten sollten daher ihr individuelles Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall durch ausreichende Bewegung sowie Normalisierung von Cholesterinspiegel, Blutzucker, Blutdruck etc. reduzieren.

Lunge

Bei jedem fünften Patient mit rheumatoider Arthritis sind die Lungenbläschen entzündet. In den meisten Fällen bleibt dies unbemerkt, nur selten sind Husten sowie zunehmende Atemnot die Folge. Bei jedem zweiten Betroffenen kann es zu einer meist nicht krankheitsrelevanten Lungenfibrose (= Versteifung der Lunge mit Gasaustauschstörung) kommen.

Nervensystem

Werden Nerven durch Gelenk- und Sehnenentzündungen mechanisch eingeengt bzw. abgedrückt, kann dies Fehlempfindungen, Unempfindlichkeit und Schmerzen auslösen – z.B. im Handgelenk: Karpaltunnel-Syndrom. Darüber hinaus können Autoimmunprozesse die Nerven angreifen und direkt eine Nervenentzündung verursachen. Entzündungen nervenversorgender Blutgefäße können zum Absterben von Nerven führen.

Tränen- und Speicheldrüsen

Rheumatische Erkrankungen können die Tränen- und Speicheldrüsen schädigen und so die Produktion von Tränenflüssigkeit bzw. Speichel beeinträchtigen. Fehlt die Spülwirkung des Speichels, nehmen Karies, Parodontitis und Parodontose zu. Für Betroffene ist daher sorgfältige Zahnhygiene besonders wichtig.

Mangelt es in den Augen an der reinigenden Wirkung der Tränenflüssigkeit, entwickeln sich leichter Entzündungen und Hornhautläsionen, die unbehandelt auch das Auge zerstören können. Darüber hinaus können verschiedene Schichten des Auges wie z.B. die Lederhaut immunologisch angegriffen und geschädigt werden.

Magen-Darm-Trakt

Bei den klassischen, von Rheumatologen behandelten Krankheiten mit meist erhöhtem Rheumafaktor und vorwiegend peripheren – d.h. außerhalb der Wirbelsäule lokalisierten – Gelenksentzündungen ist eine Beeinträchtigung des Magen-Darm-Traktes fast ausschließlich durch die medikamentöse Therapie ausgelösten Nebenwirkungen zu erwarten. Hingegen können bestimmte wirbelsäulenassoziierte Erkrankungen (meist ohne Erhöhung des Rheumafaktors) unmittelbar mit einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung einhergehen. Dabei attackieren Immunzellen bestimmte Kollagenstrukturen, die sowohl in der Wirbelsäule als auch im Magen-Darm-Trakt existieren.

Bei gleichzeitigem Auftreten von Gelenkbeschwerden und Beschwerden einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung (z.B. Blut im Stuhl, Durchfall, unerklärlicher Gewichtsverlust) sollte daher abgeklärt werden, ob eine rheumatische Erkrankung vorliegt. Umso mehr gilt dies, wenn bereits Verwandte betroffen sind.

Osteoporose

Entzündungsbedingt kommt es gehäuft zu Osteoporose. Bei jedem Rheuma-Patienten sollte daher neben Blutdruck, Blutzucker und Cholesterin auch die Knochendichte gemessen werden. Diese Empfehlung gilt insbesondere für Patienten ab 40 Jahren, die sich wenig bewegen, erhöhte Entzündungswerte oder chronische Gelenksentzündungen aufweisen und/oder Kortison einnehmen.

Rheuma und Psyche

Unbehandelte Schmerzen können sich zu einer nicht behandelbaren chronischen Schmerzkrankheit entwickeln. Darüber hinaus rauben Schmerzen Energie, wodurch auch das Abgleiten in eine Depression begünstigt wird. Es ist keinesfalls ein Zeichen persönlicher Schwäche, im Umgang mit der Erkrankung Unterstützung zu suchen, beispielsweise bei einer Selbsthilfegruppe. Wichtig: Nicht jede Depression erfordert eine psychiatrische bzw. medikamentöse Therapie. Äußerst effektiv wirken bereits regelmäßige Bewegung und Sozialkontakte.

26. November in Wien

14. Wiener Rheumatag: Was ich selber tun kann!?

400 verschiedene Erkrankungen, 500.000 Betroffene allein in Wien. Umfassende Informationen über Diagnose und Therapie rheumatischer Erkrankungen am Mittwoch, 26. November 2014, von 11 bis 18 Uhr beim 14. Wiener Rheumatag im Rathaus, Lichtenfelsgasse 2, 1010 Wien unter dem Motto “Der Patient als sein eigener Therapeut – was kann ich selber tun?”.

Eintritt frei. Weitere Infos bei der Österreichischen Rheumaliga

pte

Foto: Sebastian Kaulitzki/Fotolia.com

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