BLL: Herr Bundeskanzler, die Bevölkerungsgruppe der über 60-Jährigen wird in Österreich immer bedeutender, nicht nur zahlenmäßig wächst diese Bevölkerungsgruppe, die Menschen werden auch älter als bisher. Begleiterscheinungen dieser Entwicklung sind natürlich höhere Pensionskosten für den Staat, höhere medizinische Kosten für die Sozialversicherungsträger und veränderte politische Rahmenbedingungen für diese Menschen. Macht Ihnen dies nicht Sorgen bei der budgetären Situation und welche Lösung ist in Sicht?
Bundeskanzler Werner Faymann: Mir ist die Herausforderung natürlich bewusst, aber gleichzeitig weiß ich auch, dass wir als politisch Verantwortliche all jene nicht in Stich lassen dürfen, die dieses Land aufgebaut haben und die Grundlage für unseren heutigen Wohlstand gelegt haben. Wir gehen daher sehr ausgewogen vor, was unseren Haushalt betrifft. Wir müssen für den Staat auch neue Einnahmequellen schaffen, zum Beispiel bei den Finanzspekulanten, die zwar die vergangene Krise mitverursacht, aber bisher zu wenig Beitrag bei den Herausforderungen für die Zukunft geleistet haben.
BLL: Während heute ein 50-Jähriger Mann in Österreich bis zum durchschnittlichen Pensionsantritt 8,9 Jahre arbeiten muss, wird er zukünftig bis zu 17 Jahren arbeiten müssen, wenn das Pensionsantrittsalter schrittweise auf 67 Jahre angehoben wird. Das bringt einige Unsicherheitsfaktoren mit sich: Wie werden die Unternehmen reagieren, die heute Mitarbeiter mit 58-60 frühzeitig “verabschieden” oder welche Auswirkungen hat das auf die Arbeitslosensituation und der Finanzierbarkeit. Aber auch im Medizinischen Bereich stellt sich die Frage, wird das alles zu finanzieren sein. Wie sehen Sie diese Entwicklung und welche begleitenden Maßnahmen wird es geben? Wie ist ist finanzielle Mehrbelastung zu schaffen?
Faymann: Ich darf Sie beruhigen, in Österreich spricht niemand von einer Anhebung des Regel-Antrittsalter auf 67 Jahre. Das steht nicht zur Diskussion, sondern die Anhebung des faktischen Antrittsalters, das in Österreich zurzeit bei knapp 59 Jahren liegt. Bei der Gesundheit wollen wir verstärkt auf Prävention setzen, so dass Mehrbelastung gar nicht entsteht.
BLL: Glauben Sie, wird es in Zukunft wirklich möglich sein, dass Menschen bis zu dem vorgegebenen Regelpensionsantrittsalter arbeiten und nicht – sowie teilweise bereits heute – vorzeitig gekündigt werden und damit finanzielle Abstriche in der Pension dadurch erleiden? Ist da die europaweite Forderung nach Anhebung des Pensionsalters im Gegensatz zur Realität?
Faymann: Entscheidend ist die Anhebung des faktischen Pensions-Antrittsalters, das derzeit bei 59 Jahren liegt. Selbstverständlich muss auch die Wirtschaft ihren Teil dazu beitragen, dass Menschen trotz ihrer Erfahrung und ihres Könnens nicht verfrüht gekündigt und in Pension geschickt werden. Hier müssen wir klare Anreize setzen. Eine Arbeitsgruppe der Sozialpartner entwickelt dazu zurzeit neue Vorschläge, um längeres Arbeiten und damit einen späteren Pensionsantritt attraktiver zu machen.
BLL: Was können Sie jungen Menschen in Österreich sagen, wenn diese überwiegend nicht mehr daran glauben eine “ordentliche” Pension zu erhalten? Ist unser Pensionssystem gesichert?
Faymann: Das staatliche Pensionssystem ist das sicherste, das wir haben. Das hat die Weltwirtschaftskrise der vergangenen zwei Jahre deutlich gezeigt, als die börsenfinanzierten privaten Vorsorgemodelle starke Verluste erlitten haben, und Millionen Bezieher derartiger Pensionsformen mit stark reduzierten Auszahlungen konfrontiert waren.
BLL: Demografischer Wandel in Österreich, die oft strapazierte Generationensolidarität, mehr und mehr ältere Menschen leben lt. Caritas an der Armutsgrenze, diese Themen werden uns alle mehr als bisher beschäftigen. Dürfen wir Sie dazu fragen “Was versteht die Bundesregierung unter Generationenpolitik?” oder “Was halten Sie von Gerechtigkeit und Fairness zwischen den Generationen?”, welche Antworten erhalten wir dann?
Faymann: Sichere Pensionen sind ein wichtiger Teil einer fairen Gesellschaft. Menschen, die bereits in Pension sind, müssen sich darauf verlassen können, dass ihre Pensionen gesichert bleiben. Genauso müssen sich junge Menschen darauf verlassen können, einmal selbst eine Pension, von der sie auch leben können, zu bekommen. Um im Wandel der Zeiten diese Grundsätze garantieren zu können, ist es notwendig unsere sozialen Sicherungssysteme immer wieder den gegebenen Anforderungen anzupassen.
BLL: Arbeitsplätze für Menschen ab 55 zu schaffen wird nötig sein, wenn Menschen länger arbeiten sollen. In Bayern läuft im Moment ein Öffentlicher Wettbewerb zum Thema “Positive Beispiele für Generationenprojekte” – gibt es so etwas auch in Österreich, oder wird es das geben?
Faymann: Da gibt es durchaus auch Beispiele bei uns. Zum Beispiel das Gütesiegel „Nestor Gold“, durch das Betriebe, die besonders auf die Bedürfnisse älterer Arbeitnehmer eingehen und bewusst ältere Menschen beschäftigen, vom Sozialminister ausgezeichnet werden.
BLL: besser länger leben.at hat seit dem Start als Kommunikationsmedium das Internet gewählt. Immer mehr ältere Menschen nutzen inzwischen diese Möglichkeit, doch leider ist der Prozentsatz der über 60-Jährigen noch immer gering. Im Bundeskanzleramt ist die Arbeitsgruppe “Internet” beheimatet. Welche Aktionen und Angebote bieten Sie diesen Menschen, damit auch diese in den Genuss von Internet und Email kommen?
Faymann: Das Internet wird immer wichtiger. Wir haben vom Bundeskanzleramt aus einiges anzubieten: In unserem Servicezentrum gibt es Computerarbeitsplätze, wo ältere Menschen bei ersten Schritten unserer E-Government-Service-Leistungen, also dem elektronischen Amt im Computer, unterstützt werden. Dazu bieten wir auch eigene kostenlose Seminare an. Die Internet-Seite HELP.gv.at kann einem einige Behördenwege ersparen.
BLL: Verraten Sie uns zum Schluss noch eines ihrer wichtigsten Anliegen ihrer Kanzlerschaft für 2011 sowohl beruflich wie privat.
Faymann: Mein politisches Anliegen ist es, in Österreich und in Europa für mehr Gerechtigkeit zu sorgen – ob das nun im Pensionssystem oder bei der Bildung unserer Kinder und Enkel ist. Privat wünsche ich mir, dass ich trotz der anstrengenden politischen Arbeit ausreichend Zeit für meine Familie habe.
Vielen Dank für das Gespräch!









Schön, Herr Bundeskanzler zu lesen, dass in Österreich keine Anhebung des Pensionsalters auf 67 Jahre geplant ist.
Ja und wer zahlt das alles? Die Jungen Menschen. Wir werden doch alle gesünder, aktiver und so wäre es doch nur logisch dem Beispiel Frankreich und Deutschland zu folgen.
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