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Freitag, 24. November 2017
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Dipl. Ing. Martin Morandell im Interview

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©MartinMorandell

Wissenschaftlicher Mitarbeiter am AIT Health & Environment Department im Geschäftsfeld Biomedical Systems in Wr. Neustadt

Wir haben Martin Morandell zum Thema “Selbstständigkeit und Sicherheit durch innovative Lösungen für Menschen im Alter” interviewt.

BLL: Was ist das AIT Austrian Institute of Technology?

Morandell: Das AIT Austrian Institute of Technology (www.ait.ac.at) ist Österreichs größte außeruniversitäre Forschungseinrichtung. Mit seinen fünf Departments versteht sich das AIT als hoch spezialisierter Forschungs- und Entwicklungspartner für die Industrie. Dabei beschäftigen sich die ForscherInnen mit den zentralen Infrastrukturthemen der Zukunft: Energy, Mobility, Health & Environment, Safety & Security sowie Foresight & Policy Development.  Rund 1.000 MitarbeiterInnen forschen in ganz Österreich an der Entwicklung jener Methoden, Technologien und Lösungen für Österreichs Wirtschaft, die sie gemäß unseres Mottos “Tomorrow Today” zukunftsfit hält.

Im Geschäftsfeld Biomedical Systems des Health & Environment Departments in Wr. Neustadt beschäftigt sich eine Forschergruppe mit der Entwicklung innovativer Technologien und Services für Menschen im Alter und Menschen mit Behinderung.

BLL: Ihr Forschungsgebiet ist „Technik-gestütztes Wohnen für Menschen im Alter“. Worum geht es dabei?

Morandell: Der demographische Wandel stellt die Gesellschaft vor neue Herausforderungen. Auf der einen Seite gibt immer mehr aktive ältere Menschen, auf der anderen Seite steigt aber in verschiedenen Bereichen der Bedarf an Assistenz oder professionelle Unterstützung etwa durch Hauskrankenpflege, Ärzte, etc.

Dazu kommt das Phänomen, dass auch immer mehr ältere Menschen in Single-Haushalten leben, oft ohne direkten familiären oder Nachbarschaftsrückhalt. Der Fall einer Hilfsbedürftigkeit, oft auch nur in einem kleinen Teilbereich, führt dann oft dazu, dass ein Umzug in ein Seniorenheim o.ä. nötig wird.

In vielen dieser Fälle kann die Technik dazu beitragen, länger selbstständig und sicher im Wohnumfeld der Wahl zu wohnen.

Zum Beispiel können „Informations- und Kommunikationstechnologien“ können auch zu einer besseren sozialen Vernetzung beitragen. Videotelefonie mit der Familie, das Finden neuer Freunde mit den selben Interessen in der Nähe, etc. sind nur einige Beispiele von sozialer Vernetzung.

Die Systeme können aber auch für andere Bereiche genutzt werden. Dazu zählen Unterhaltung, Information und Weiterbildung. Ein wesentlicher Punkt bei diesen Technologien ist aber die einfache Bedienung (Usability) um eine zukünftige breite Nutzung zu ermöglichen.

Über Sensoren können auch Gefahrensituationen erkannt werden. Dazu zählen etwa Stürze, oder wenn die Person in der Früh nicht aufsteht. Im Forschungsprojekt Bedmond (www.bedmond.eu) versuchen wir Veränderungen im Tagesablauf, welche Anzeichen für eine Demenzerkrankung darstellen können zu erkennen. Aber auch zur Verbesserung der Energieeffizienz in einem Haushalt kann diese Technologie genutzt werden. So kann erkannt werden, wann eine Person in welchem Raum ist, um etwa Heizung und Jalousien zu steuern. Im Projekt NovaHome zeigen wir, wie dies in einem modernen Passivhaus in der blauen Lagune angewandt werden kann.

BLL: Können sie mir ein Beispiel nennen, wie Technik hier genutzt werden kann?

Morandell: Eine ältere Dame namens Maria wohnt alleine in ländlicher Gegend. Die einzige Tochter mit Familie wohnt 150km entfernt in der Stadt. Maria hat Diabetes, ist aber recht aktiv und geht gern wandern. Sie vergisst aber immer wieder auf die regelmäßige Einnahme ihrer Medikamente. Außerdem möchte sie mehr Kontakt mir Ihrer Familie haben.

Über ihre Hauskrankenpflege, welche 3x die Woche kommt, erfährt Maria von der Möglichkeit, einer neuen Box, welche an den Fernseher angeschlossen wird und die spezielle Dienste anbietet.

So wird Maria nun 3x täglich von einer virtuellen Assistentin (einem Avatar – ein künstlich animiertes Gesicht einer vertrauten Person) entweder über den Fernseher, oder über ihr Mobiltelefon) an die Einnahme ihrer Medikamente erinnert.

Ihre Zuckerwerte werden nach dem Messen vom Gerät direkt an ein Servicecenter der Hauskrankenpflege übertragen. Sind die Werte nicht in Ordnung, kann die Hauskrankenpflege direkt mit Maria über den Fernseher eine Televisite durchführen.

Weiters kann Maria auch über den Fernseher mit Ihrer Familie videotelefonieren. Sie sieht so öfters ihre Enkelkinder.

BLL: Wie sieht es mit ethischen Bedenken – etwa der Angst vor Überwachung aus?

Morandell: Ethische Aspekte haben in diesem Forschungsfeld einen sehr hohen Stellenwert. Wir versuchen bei unseren Lösungsansätzen keine Kameras oder Mikrofone als Sensoren zu verwenden um die Privatsphäre zu gewährleisten. Wir folgen strengen ethischen Richtlinien. Nur dadurch kann die Akzeptanz solcher Systeme sichergestellt werden.

BLL: Sind dies alles Zukunftsvisionen oder bereits verfügbare Produkte?

Morandell: Wir als Forschungseinrichtung sind nicht aktiv am Markt tätig, sondern arbeiten gemeinsam mit der Wirtschaft und öffentlichen Einrichtungen an den Lösungen von morgen. Wir werden aber in naher Zukunft größere Pilotprojekte realisieren um Langzeiterfahrung mit neuen Technologien und Services zu sammeln.

Im kommerziellen Bereich kommen nun auch in Österreich die ersten Produkte auf den Markt. Österreich hinkt aber noch weit hinter andern Ländern wie etwa den Niederlanden, wo es z.B. schon 25.000 Telecare Anwender gibt, hinterher. Gründe dafür sind, dass sowohl die Möglichkeiten von Technik gestütztem Wohnen kaum bekannt sind und es bis dato kaum ausgereifte Finanzierungsmodelle gibt obwohl sich Investitionen sehr schnell amortisieren würden.

BLL: Wann, glauben Sie, wird Technik gestütztes Wohnen für ältere Menschen alltäglich?

Morandell: Es ist schwierig hier eine Jahreszahl zu nennen, da dies von verschiedenen Umgebungsfaktoren abhängig ist. Der Bedarf wäre jetzt schon gegeben, wie diverse Berichte über die Finanzierbarkeit der Pflege und die Bereitstellung von ausreichend Pflegepersonal zeigen. Unterstützung von Pflege durch innovative technische Lösungen könnte die vorhandenen Ressourcen besser nutzen und damit wahrscheinlich zu einer Abflachung des Kostenanstiegs bei den Pflegekosten führen. Die Technik wird auch immer leichter benutzbar und die Bereitschaft diese zu benutzen steigt auch besonders bei der Generation 50+. In Teilbereichen stehen schon funktionierende Lösungen zur Verfügung, es müssen jetzt noch interessante Service-Pakete geschnürt werden, die an die individuellen Bedürfnisse angepasst werden können und auch finanzierbar sind.

Gerade in großen EU Projekten wie universAAL (http://www.universaal.org) versucht man standardisierte Lösungen zu entwickeln, die in vielen Bereichen eingesetzt werden können. Dies soll eine kostengünstige und nachhaltige Nutzung ermöglichen.

BLL: Wie stellen Sie sicher, dass Sie den Bedürfnissen zukünftiger Benutzerinnen und Benutzer gerecht werden?

Morandell: Ein Kernpunkt unserer Forschungsprojekte ist die Einbindung der jeweiligen Zielgruppe, also ältere Menschen, deren Angehörige, ExpertInnen im Bereich der Pflege. Diese Einbindung reicht von der Bedürfnisevaluierung, der Ideenfindung, Feedback über Gestaltungsvarianten bis hin zu Langzeitstudien in der praktischen Anwendung. Im Rahmen von Workshops (etwa der Workshopreihe Ambient Assisted Living-WAAL) versuchen wir, das Thema nach außen zu tragen, und verschiedene Gruppen an einen Tisch zu bringen

Dafür suchen wir auch immer wieder interessierte Personen. Wenn auch Sie Interesse haben, aktiv an Lösungen von morgen mitzuwirken, melden Sie sich bitte bei uns unter per email unter: aal@ait.ac.at

Danke für das Gespräch.


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Antworten

Ein Kommentar zu “Dipl. Ing. Martin Morandell im Interview”

  1. admin sagt:

    Das finde ich ein spannendes Forschungsprojekt. Wenn ich es richtig verstanden habe, leistet dieses System nicht nur eine Erleichterung für ältere Menschen, die oftmals mühselig sich Services – in verschiedener Hinsicht selbst organisieren müssen, sondern hilft auch dem Staat Kosten zu sparen, da bisherige Kosten wie Essen auf Rädern oder div. Hilfswerkorganisationen entlastet werden – und dies bedeutet weniger Kosten.
    Wann ist diese Plattform Marktreif?

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