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Freitag, 26. Mai 2017
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Kündigungen von Älteren

Was meint WKO-Präsident Leitl zu diesem Thema?

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BLL: Verschiedenen Erhebungen zufolge muss die Erwerbstätigkeit deutlich verlängert werden, um die Pensionssysteme auch langfristig aufrecht und leistbar zu erhalten. Dazu braucht es aber die richtige Beschäftigungspolitik, um entsprechende Arbeitsplätze zu schaffen. Wie kann man aus Sicht der Arbeitgeber dieses Problem angehen?

Leitl: Auch die neuen Budgetprognosen der Regierung zeigen: Trotz vieler Maßnahmen steigen die Pensionsausgaben so schnell, dass sie jeden budgetären Spielraum nehmen. So steigt der Anteil der Pensionsausgaben am Bundesbudget zwischen 2013 und 2018 von 24,4 auf 28,0%. Danach droht ein noch schnellerer Anstieg, weil die starken Baby-Boomer-Jahrgänge in Pension gehen.

Dieses Geld fehlt uns bei der notwendigen Entlastung von Arbeitgebern und Arbeitnehmern.

Dieses Geld für Pensionen fehlt uns bei Zukunftsinvestitionen in Forschung, Bildung, Kinderbetreuung, etc. Zukunftsinvestitionen schaffen nachhaltiges Wachstum auch an Arbeitsplätzen, wovon alle, auch Ältere profitieren.

Derzeit steigt in Österreich die Arbeitslosigkeit Älterer, aber auch die Beschäftigung Älterer. Seit 2004 hat sich in Österreich die Erwerbstätigenquote der Altersgruppe 55 bis 64 laut EUROSTAT von 28,8% auf 44,9% im Jahr 2013 gesteigert. Hintergrund ist,  dass die starken Baby-Boomer-Jahrgänge jetzt in Altergruppe 50+ rutschen, dass das Arbeitskräfteangebot hier also stark steigt.

Gezielte Förderungen helfen Älteren erfahrungsgemäß bei der Jobfindung. Daher hat die Wirtschaftskammer auch  Förderungen sowohl für Ältere (Kombilohn), als auch für ihre Arbeitgeber (Eingliederungsbeihilfe) durchgesetzt.

BLL: Wie schaut es mit Vorsorgemaßnahmen sowohl im Rahmen Gesundheitsvorsorge und Vorbereitung für ältere Arbeitnehmer aus? Was fordert bzw. bietet die WKO dazu an?

Leitl: Betriebliche Gesundheitsvorsorge heißt, jedem Unternehmen die Möglichkeit zu geben, maßgeschneiderte Lösungen für alle seine Mitarbeiter, egal, welchen Alters,  zu finden. Wir fordern, dass wie in Deutschland Gesundheitsmaßnahmen, die Betriebe ihren Mitarbeitern finanzieren, bis zu 500 Euro pro Jahr und Mitarbeiter von Lohnsteuer und Sozialversicherung befreit werden. Derzeit werden diese wie ein Sachbezug besteuert.

Dabei unterstützt die WKÖ die Betriebe, zum Beispiel mit der Plattform Gesundheitswirtschaft. Eines unserer Projekte in diesem Bereich richtet sich speziell an KMU: Die Plattform „proFITNESS“ bündelt Informations- und Aktionsangebote sowie konkrete Maßnahmen zu gesundheitsfördernden und präventiven Themen wie Bewegung, Ernährung und Entspannung.

BLL: Von den Seniorenvertretern Blecha und Khol werden ein Bonus für die Beschäftigung und Maluszahlungen für die Nichtbeschäftigung von Älteren gefordert. Kann dies eine Lösung sein und was halten Sie davon? Welche Alternative schlägt die WKO vor?

Leitl: Ein Grund für die Schwierigkeiten von Älteren am Arbeitsmarkt sind die Kosten. Kollektivverträge und Arbeitsrecht geben älteren bzw. langjährigen Mitarbeitern höhere Lohnansprüche und mehr Rechte als Jüngere („Seniorität“). Ältere sind aber nicht generell um so viel produktiver als jüngere Mitarbeiter. Will man grundlegende Veränderungen, sind diese Unterschiede zu verringern.

Österreich ist fast Spitzenreiter bei Lohnnebenkosten, die bei Älteren noch mehr ins Gewicht fallen als bei Jüngeren. Zentral wäre daher eine Reduktion der Lohnnebenkosten. Auch haben sich gezielte Förderungen für Ältere als wirksam erwiesen.

Hingegen lehnen wir Quoten zur Beschäftigung Älterer und Maluszahlungen für Betriebe, die die Quote nicht erfüllen, ab. Quoten sind ein unzumutbarer Eingriff in die unternehmerische Freiheit. Es gibt viele Gründe, warum Unternehmen mehr Ältere oder mehr Jüngere beschäftigen. Soll ein Neugründer bestraft werden, weil er mehr Jüngere beschäftigt? Unternehmer sollten die frei Wahl haben.

BLL: Der Großteil der WKO Mitglieder sind Einzelunternehmen (EPUs). Wie schaut es dort aus? Wie geht die WKO und wie gehen die Betriebe damit um? Auch die werden älter und können nicht ewig arbeiten.

Leitl: Speziell für EPU gibt es das Projekt „Gesund und arbeitsfähig von Anfang an“ (GAVA), das die WKÖ mit initiiert hat. Dabei geht es darum, EPU bei gesundheitsfördernden Maßnahmen zu unterstützen. Dies gilt natürlich von Anfang an, wie der Name des Projektes sagt, bis zum Ruhestand.

BLL: Welche Position vertritt die WKO in der Diskussion Jung gegen Alt, wobei die Jungen den Alten zu hohe Pensionskosten vorwerfen und dies oft zu falschen Fakten und Darstellungen führt. Soziale Absicherung ist doch ein Grundbedürfnis in der EU.

Leitl: Ich sehe keine Kontroverse Jung versus Alt. Insbesondere ist auch die These längst widerlegt, dass Ältere in (Früh)Pension gehen sollen, um Jüngeren Platz zu machen. Bei guten Rahmenbedingungen und gezielten Zukunftsinvestitionen steigt die Zahl der Arbeitsplätze, wovon alle profitieren.

Meiner Ansicht nach wissen die jungen Menschen in unserem Land die Leistungen der älteren Generationen sehr zu schätzen. Und wir müssen alles dafür tun, dass die jungen Generationen die bestmögliche Ausgangsposition bekommen – durch Reformierungen des Bildungssystems, aber auch die andere Strukturreformen wie in der Verwaltung oder im Pensionssystem, die das Budget entlasten und den Jungen damit Schuldenrucksäcke ersparen.

Falsche Darstellungen orte ich eher bei jenen, die uns seit Jahrzehnten versichern, die Pensionen wären sicher und das System nachhaltig, während die Fakten ganz klar dagegen sprechen.

BLL: Was wünschen Sie sich persönlich für die zukünftige Entwicklung am Arbeitsmarkt und bei den Betrieben für älter werdende Menschen (ab 50)?

Leitl: Trotz wirtschaftlich schwieriger Zeiten ist Österreich – nicht zuletzt Dank des dualen Ausbildungssystems – im europäischen Vergleich der Arbeitsmarktdaten top. Ich wünsche mir, dass wir diesen Kurs weiterführen können: mit dem besten Ausbildungssystem, das die Talente der jungen Menschen hebt und fördert und ein lebenslanges Lernen für alle Erwerbstätigen ermöglicht.

Wirtschaftswachstum ist jedenfalls die wichtigste Form aktiver Beschäftigungspolitik. Deshalb müssen wir alles daran setzen, F&E zu fördern und unsere Betriebe zu entlasten.

Wachstumshemmend für die Unternehmen sind sicher hoher bürokratischer Aufwand und kontraproduktiv hohe Lohnnebenkosten. Hier gilt es noch einiges zu tun, eine Trendumkehr bei den Lohnnebenkosten in Richtung Senkung hat die Bundesregierung ja vor kurzem schon eingeleitet.

Vielen Dank für das Gespräch!

Foto.fischer@aon.at

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Antworten

3 Kommentare zu “Kündigungen von Älteren”

  1. Tanja Brucker sagt:

    Interessantes Interview! Das Thema ist gerade in meiner Familie sehr aktuell, weil mein Mann aus Kostengründen gekündigt wurde als Dienstältester und somit als Meistverdienender in der Firma. Wir haben dank der Anwälte von http://www.fnm-anwaelte.at/ zum Glück noch einiges an Abfertigung herausschlagen können, aber ist natürlich eine blöde Situation. Andererseits denke ich, dass Ältere, die gekündigt werden, wenigstens, wenn sie vorgesorgt haben, einen finanziellen Polster haben, den junge Menschen, die vielleicht gerade am Haus bauen sind oder am Gründen einer Familie, nicht haben und diese eine Kündigung mehr treffen würde…

  2. M. Schneider sagt:

    Sehr geehrter Herr Präsident,

    ist ja sehr nett was Sie sagen, aber in der Praxis schaut es wirklich anders aus. Sie sprechen von Beschäftigungspolitik – ich sehe keine in Österreich. Themen wie Flüchtlinge, Themen Bund gegen Länder, Registrierkasseneinführung oder wie reduzieren wir das Autofahren prägen das Tagesgeschäft. Aber eine offensiven Beschäftigungspolitik seht anders aus. Wie viele Arbeitslose gibt es derzeit in Österreich? Also bitte es müssen spürbare Entlastungen für die vielen kleineren und mittleren Unternehmen kommen – erst dann werden wieder neue Mitarbeiter beschäftigt.
    M. Schneider

  3. christine R. sagt:

    Wer träumt das Märchen von Job für über 55-Jährige weiter? Glauben unsere Volksvertreter das wirklich oder geht es nur um Reduzierung der Kosten?

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