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Sonntag, 19. November 2017
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Schock Hochwasser, Trauma Bewältigung

020 Schock Hochwasser, Trauma BewältigungWas meint die Psychotherapeutin Ingrid SLUPETZKY zum Thema Schock Hochwasser – Trauma Bewältigung

BLL: Das Hochwasser hat großen materiellen Schaden gebracht und wird die Menschen noch lange Zeit beschäftigen. Sehr viele Menschen sind davon finanziell betroffen, aber über die seelischen Verletzungen wird wenig gesprochen. Warum?

Slupetzky: Das ist typisch für unsere Zeit, denn das Materielle steht meistens im Vordergrund. Ich kann das aber auch verstehen, denn wenn man all sein Hab und Gut verliert, von einer Naturgewalt sozusagen aus „seinem Nest“ gestoßen wird, das „Dach über dem Kopf“ verliert, dann ist  einmal „praktisches Handeln“ das Wichtigste.

BLL: Was passiert im seelischen Bereich der Menschen, wenn sie ihre materielle Existenz im wahrsten Sinne des Wortes davonschwimmen sehen?

Slupetzky: Die seelischen Schäden werden dann doch viel zu wenig beachtet. Wenn man diese Komponente übersieht, kann das fatale Folgen haben. Denn die Folgen eines traumatischen Erlebnisses kommen schleichend und sind nicht unmittelbar zu erkennen. Ein Schock sitzt tief und kann Menschen nachhaltig verändern, ja krank machen.

BLL: Wie kann man nun den betroffenen Menschen helfen? Wie geht man mit traumatisierten Menschen um?

Slupetzky: Hier muss zwischen der familiären-, freundschaftlichen Ebene und professioneller Hilfe unterschieden werden. Nicht jeder, der ein kritisches Ereignis erlebt hat, muss in der Folge eine psychische Störungen bekommen und mit Folgeschäden rechnen. Die Grenze ist allerdings schmal.

Wenn ich jetzt an die Hochwassersituation denke, so macht es auch einen Unterschied, ob EINE Person betroffen ist, oder die gesamte Familie, ein ganzer Ort. Was stärkt, ist die „menschliche Zuwendung“. Gute Ratschläge sind in der Akutphase ganz fehl am Platz!

Zuhören, in den Arm nehmen, an der Hand halten, gemeinsam Weinen. Das Gefühl des „Zusammenstehens“, der „Nächstenliebe“ und der Solidarität geben Halt in einer so „haltlosen Zeit“.

Die „gewohnten Pfade“ sind weggespült, das Chaos ist nicht nur äußerlich. Der Mensch muss sich neu orientieren, neu ordnen. Die „inneren Räume“ sind im Ausnahmezustand. Das klare Denken ist von Angst überschattet, das „darüber reden“ kann wieder mehr Klarheit bringen, zuhören! Es ist der Weg der „kleinen Schritte“, der aus der Krise herausführen kann.

BLL: Woran kann ich erkennen, dass mich der „Schock im Griff hat“ und es gut wäre professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen?

Slupetzky: In der Akutphase werden meist erhebliche Ängste erkannt, denn zentrale Dinge des täglichen Lebens und der Ablauf dieser sind unterbrochen, außer Kraft gesetzt. Der Anblick von Zerstörung intensiviert unsere Wahrnehmung. Auch die Körperempfindung kann sich verändern. Im Schock spüren manche Menschen gar nichts (z.B. Schmerz und Temperatur). Andere erhöhen ihre Wahrnehmung und erleben diese als hochgespannte Wachheit – Sekunden können dann „ewig dauern“.

Menschen fühlen sich „aus der Bahn geworfen“ und sind orientierungslos. Soziale Ordnungen sind meist auch außer Kraft gesetzt.

„Das halte ich nicht mehr aus“, „das ist mir alles zu viel“ sind typische Aussagen.

Andere Personen beschwichtigen mit „irgendwie wird das wieder“, „das ist gar nicht so arg“, bis hin zu Dissoziationserlebnissen, wo Ereignisse wie „von außen“ gesehen werden, wie wenn man „neben sich“ steht.

Das sind jene Momente, wo ein „Bruch im Leben“ entstehen kann.

Folgende Stressreaktionen können beispielsweise auftreten:

Schwitzen, Zittern, Veränderungen des Blutdrucks, Reaktionen der Verdauungsorgane,

Kopfschmerzen , Gereiztheit, Planloses Handeln, Aufnehmen schon abgelegter Süchte wie Rauchen oder Alkohol, Konzentrationsschwäche, Denkblockaden, Leere im Kopf, Ängste, Handlungsunfähigkeit, Ziel- und Planlosigkeit, Depression, Schlafstörungen, Alpträume, Einsamkeit.

In der psychotherapeutischen Anamnese ist es wichtig herauszufinden, ob ohne die Einwirkung des Traumas die Störung nicht entstanden wäre.

BLL: Die Psychotraumatische Behandlung zu diesem Thema scheint sehr komplex zu sein. Ist Heilung möglich?

Slupetzky: Traumatische Ereignisse müssen nicht gleich zu einer Posttraumatischen Belastungsstörung (nach ICD10) ausarten. Je früher sich traumatisierte Menschen Hilfe suchen, desto besser kann die Heilungschance sein. Es gibt allerdings Situationen, wo die Zeit auch eine wichtige Rolle spielt.  Dann braucht es Abstand zum Ereignis. In der Trauma Therapie unterscheiden wir sogenannte Kurzzeitfolgen undLangzeitfolgen.

Typische Langzeitfolgen sind chronische Symptome sowie unbewusste Wiederholungen der traumatischen Situation.

Sehr wichtig erscheint mir die soziale Unterstützung wie die offene Auseinandersetzung mit dem Ereignis. Wenn in Familien „darüber“ gesprochen wird und man besonders Kindern auch die Möglichkeit gibt, ihre Ängste zu artikulieren, ist das schon ein erster wichtiger Schritt in Richtung Heilung. Wenn sich allerdings psychosomatische Erkrankungen eröffnen oder Personen ein wesensveränderndes Verhalten zeigen, ist eine psychotherapeutische Behandlung dringend zu empfehlen.

Und noch etwas liegt mir sehr am Herzen:

Vergessen Sie die Kinder nicht. Sie leiden oft still.

Und mit dem Wegschwimmen ihres Lieblingsspielzeugs kann auch das kindhafte Urvertrauen verloren gehen. Wirken sie dem entgegen.

Auch Kindern kann geholfen werden!

Vielen Dank für das Gespräch.

Informationen finden Sie hier. www.psychotherapie-wien.net

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