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Mittwoch, 22. November 2017
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Armut in Österreich

Fenninger1 Spiola 1 Armut in Österreich

© Petra Spiola

Herr Mag. (FH) Erich Fenninger  (Volkshilfe Bundesgeschäftsführer) auf Ihrer Homepage steht:

Österreich ist eines der reichsten Länder der Welt.

Und dennoch:

• 1 Million Menschen in Österreich sind armutsgefährdet.

• Beinahe 500.000 Menschen leben in akuter Armut.

• Darunter 142.000 Kinder und Jugendliche.

• 237.000 Menschen können im Winter ihre Wohnung nicht ausreichend heizen.

• 7 % der Erwerbstätigen in Österreich sind trotz Arbeit von Armut bedroht

BLL: Wie schaut die Situation wirklich aus und wie trifft es Senioren?

Fenninger: In Österreich sind ca. 15 Prozent der Menschen über 65 Jahre armutsgefährdet. Das heißt, dass diese Menschen von weniger als 1.031 Euro im Monat leben müssen. Das betrifft rund 18 Prozent der Österreicherinnen über 65 und 11 Prozent der Österreicher. Die Zahlen zeigen auch, dass Armut im Alter weiblich ist. Alleinlebende Frauen mit Pensionsbezug sind eine besonders gefährdete Risikogruppe (26%).

BLL: Aus ihren Erfahrungen was ist passiert und wie kommen Menschen überhaupt in so eine Situation?

Fenninger: Von Armut betroffen ist nicht nur, wer in Pappschachteln auf der Straße schläft. In die Armut abzurutschen geht oft schneller als man denkt: eine schwere Krankheit, ein folgenschwerer Unfall oder eine Scheidung. Auch als völlig ungefährdet geltende Menschen können in eine Armutssituation geraten. PensionistInnen sind insbesondere wegen brüchiger Erwerbsbiographien, der Einkommensschwere zwischen Frauen und Männern oder wegen unbezahlten Kinderbetreuungszeiten gefährdet.

BLL: Was müsste sich ihrer Meinung nach für den Seniorenbereich ändern, damit solche Situationen nicht passieren?

Fenninger: Armut hat strukturelle Ursachen. Um Armut zu bekämpfen, ist deshalb ein Bündel an Maßnahmen nötig. Die Volkshilfe fordert eine monetäre Mindestsicherung über der Armutsgefährdungsschwelle, leistbare soziale Dienstleistungen und eine aktive Arbeitsmarkpolitik. Für ältere Menschen sollten spezifische Beratungsangebote geschaffen werden. Ein weiterer Punkt ist die Pflegesicherung: Pflege muss solidarisch abgesichert werden – wie das Risiko Krankheit oder Arbeitslosigkeit. Außerdem ist es wichtig, endlich die Einkommensschwere zwischen Frauen und Männern zu schließen.

BLL: Wenn jemand derart in Not gerät, wie kann die Volkshilfe helfen und wohin kann sich jemand wenden?

Fenninger: Mit der Kampagne „Armut made in Austria“ sammeln wir für armutsgefährdete Menschen, um ihnen direkt durch finanzielle Unterstützung in Notsituationen zu helfen. Außerdem betreibt die Volkshilfe in den Bundesländern unterschiedliche Projekte, um Einkommensschwachen zu helfen. So gibt es beispielsweise in Wien Projekte zur Delogierungsprävention, in Oberösterreich für Integration und oder in der Steiermark Hilfe für alleinerziehende Eltern. Auf www.volkshilfe.at/Landesorganisationen findet man alle Kontakte zu unseren Landesorganisationen.

BLL: Wenn man die Entwicklung ansieht sollen wir laut den Politikern EU weit bis 72 Jahre (Vorschlag) arbeiten, andererseits kündigen Unternehmen viele Menschen bereits ab 58. Aufgrund der Tatsache das Menschen an die 60 keine Chancen am Arbeitsmarkt haben, könnte sich nicht die Situation in Zukunft für die Betroffenen damit deutlich verschlechtern?

Fenninger: Der demografische Wandel stellt unsere Gesellschaft vor eine große Herausforderung. Diese Herausforderung wird nicht gemeistert, indem man ältere Menschen für die Entlastung der Pensionskassen in die Arbeitslosigkeit drängt. Unsere Politik und unsere Wirtschaft müssen umdenken. Einerseits muss der Wert von älteren Arbeitskräften erkannt und gefördert werden – Arbeitsplätze müssen in Zukunft altersgerecht organisiert werden. Außerdem darf Arbeit nicht krank machen. So müssen beispielsweise Gesundheitsschutz und Prävention gestärkt werden.

BLL: Es klagen schon heute viele unserer Leser, dass sie mit ihrer kleinen Pension nicht mehr auskommen, da die Lebenshaltungskosten wie Miete, lebensmittel, Strom und Gas u.a. enorm steigen. Was können Sie diesen empfehlen?

Fenninger: Wir erleben oft, dass Menschen in Not nicht wissen, welche staatlichen Unterstützungen ihnen zustehen. Ich empfehle, sich beraten zu lassen. Eine erste Anlaufstelle könnten zum Beispiel unsere ehrenamtlichen Sozialombudsleute in Niederösterreich, Wien oder der Steiermark sein.

BLL: Ältere Menschen die gerne bei Ihnen mithelfen wollen und auch ihre Erfahrungen einbringen wollen, gibt es die Möglichkeit und wohin können sie sich wenden.

Fenninger: Unsere Gesellschaft lebt von Menschen, die mehr tun als ihre Pflicht. Ehrenamtliche werden in der Volkshilfe in den unterschiedlichsten Bereichen tätig: Es gibt Aktivitäten für Flüchtlinge, ältere Menschen, Kinder und für von Armut betroffene Menschen. Unsere Ehrenamtlichen organisieren beispielsweise Besuchsdienste, Reisen und Ausflüge, bieten Sprachkurse, Nachhilfe, Gedächtnistraining und Gymnastik. Für mehr Informationen wendet man sich am besten an die Volkshilfe Landesorganisationen (www.volkshilfe.at/Landesorganisationen) in seinem Bundesland.

BLL: Dürfen wir Sie noch über ihre beruflichen und privaten Ziele für das Jahr 2012 fragen.

Fenninger: Persönlich liegt mir unsere neue Initiative „Demenzhilfe“ sehr am Herzen. Wir möchten gemeinsam das Leben von Demenzerkrankten und deren Angehörigen durch Einzelfallunterstützung, innovative Betreuungsangebote und Beratungsleistungen verbessern. Privat macht mir meine Tätigkeit als Sozialombudsmann in Wiener Neustadt sehr viel Freude.

Danke für das Gespräch!

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