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Montag, 21. August 2017
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Dr. Josef Probst im Gespräch

Die neue Gesundheitsreform und andere Themen, was meint dazu der GD des Hauptverbandes der österreichischen Sozialversicherungsträger (SV).

Josef Probst Dr. Josef Probst im GesprächBLL: Bitte erläutern Sie unseren Lesern die Aufgaben und Leistungen des Hauptverbands der österreichischen Sozialversicherungsträger (SV).

GD Probst: Der Hauptverband ist die Dachorganisation der 3 Bereiche Pensions-, Unfall- und Krankenversicherung. Die Kernaufgaben aller drei Versicherungszweige sind: Stärkung der Gesundheit und Prävention, Sicherstellung der Versorgung mit Krankenbehandlung und Rehabilitation sowie Einkommenssicherung durch eine verlässliche und nachhaltige finanzielle Absicherung in der Pension, aber auch durch Unfallrenten und Krankengeld.

Wir sind die Schnittstelle zur Politik und koordinieren die Sozialversicherung. Zu unseren Aufgaben zählt die gemeinsame Umsetzung der gesetzlichen Vorgaben. Der Hauptverband gibt den Erstattungskodex für Medikamente heraus und führt Verhandlungen mit den Pharmafirmen über die Einkaufspreise von Medikamenten. Wir stellen den Versicherten die e-card zur Verfügung. 2015 wird nach zehn Jahren eine neue e-card-Generation ausgeschickt. Über die e-card wurden bereits mehr als  1 Mrd. Arztkontakte abgewickelt. Wir führen auch zwischenstaatliche Verrechnungen durch, wenn jemand im Urlaub Krankenbehandlung im Ausland in Anspruch nehmen muss. Ein Schwerpunkt der Sozialversicherung ist die gemeinsame Umsetzung der Gesundheitsreform, zusammen mit Bund und Ländern. Hier haben wir viel zu koordinieren.

BLL: Worum geht es bei der Sozialversicherung und wie ist die interne Arbeitsstruktur einer so  großen Organisation? Welche Rolle spielt diese im Rahmen der aktuellen Gesundheitsreform ?

GD Probst: Wir engagieren uns für ein längeres und selbstbestimmtes Leben in Wohlbefinden und bei guter Gesundheit. Österreich hat anerkanntermaßen ein sehr gutes Gesundheitssystem. Um es für uns, unsere Kinder und Enkel in eine gute Zukunft zu führen, bedarf es aber nachhaltiger Veränderungen. Die Organisation des österreichischen Gesundheitswesens ist sehr kompliziert. Das liegt an unserer Staatsorganisation. Wir haben 2.354 Gemeinden, 130 politische Bezirke, 9 Bundesländer, den Bund und die Sozialversicherung. Bislang waren viele Institutionen oft ziemlich unkoordiniert im Gesundheitswesen aktiv. Da eine tiefgreifende Reform der Staatsorganisation in Österreich nicht in Sicht ist, mussten wir einen Weg finden, klare Ziele zu formulieren und das Handeln der Akteure wirkungsorientiert zu koordinieren. Alle sollen am gleichen Strang und vor allem in die gleiche Richtung ziehen.

Bund, Länder und Sozialversicherung haben sich daher 2012 auf ein gemeinsames Zielsteuerungssystem geeinigt. Aus dem „Gesundheitswesen“ soll ein Gesundheitssystem werden. Gemeinsam festgelegte Ziele werden in Kooperation partnerschaftlich umgesetzt. Eine der Grundlagen für die gemeinsame Arbeit ist der Bundes-Zielsteuerungsvertrag, den Bund, Länder und Sozialversicherung im Juni 2013 abgeschlossen haben. Darin enthalten ist das Arbeitsprogramm, das bis Ende 2016 umgesetzt werden soll. Der Zeithorizont für die Gesundheitsreform ist freilich insgesamt wohl zehn bis zwanzig Jahre. Manches ist schnell zu realisieren und einiges wird längere Zeit in Anspruch nehmen.

Ein besonders wichtiger Teil der Gesundheitsreform ist es, die Primärversorgung zu stärken. Heute finden wir die Situation vor, dass Allgemeinmediziner hauptsächlich in kleinen Einzelpraxen tätig sind. Das ist aber mittelfristig eine arbeitsorganisatorisch und gesellschaftspolitisch nicht mehr ausreichende Organisationsform. Wir werden daher schrittweise die Primärversorgung in Zentren unter einem Dach – am Land in Netzwerken ohne Standorte aufzugeben – bündeln und durch Krankenschwestern und viele andere Gesundheitsberufe, wie LogopädInnen und PhysiotherapeutInnen ergänzen müssen. Erste gute Beispiele der neuen Primärversorgung werden nächstes Jahr in Betrieb gehen.

SV-intern haben wir mit den Sozialversicherungsträgern neue Arbeitsstrukturen und Arbeitsprozesse geschaffen, damit die Erarbeitung, Abstimmung und Umsetzung geordnet über die Bühne geht. Gleiches gilt für die Kooperation Sozialversicherung, Länder, Bund auf der österreichischen Ebene. Neben dem Aufsetzen guter transparenter Arbeitsprozesse geht es auch darum, dass die Systempartner gut kooperieren lernen. Das ist der Schlüssel zum Erfolg.

BLL: Welche Leistungen und  Aktionen der Sozialversicherung treffen besonders auf Menschen ab 50 zu?

GD Probst: Derzeit liegt die durchschnittliche Lebenserwartung in Österreich bei 80,4 Jahren, rund 20 Jahre davon werden durch Krankheit beeinträchtigt und das trotz hoher Ausgaben für Krankenbehandlung. Die Anzahl der gesunden Lebensjahre ist im EU- Vergleich unterdurchschnittlich und weit entfernt von den Spitzenreitern wie beispielsweise Schweden.

Wenn wir wollen, dass die Menschen insgesamt länger gesund bleiben, müssen wir uns ab Beginn der Schwangerschaft über alle Lebensalter hinweg mit den gesundheitsrelevanten Themen – Bewegung, Ernährung, Rauchen und psychische Gesundheit – systematisch auseinandersetzen. Aus den Rahmengesundheitszielen (www.gesundheitsziele-oesterreich.at) werden dazu eine Reihe von strategischen Maßnahmen abgeleitet.

Für Menschen ab 50 möchten wir speziell darauf hinweisen, dass die Vorsorgeuntersuchung altersspezifische Schwerpunkte vorsieht. Besonders wichtig ist dabei das Darmkrebsfrüherkennungsprogramm. Personen ab 50 sollten alle zehn Jahre zu dieser spezifischen Untersuchung gehen. Die Sozialversicherung hat ein Qualitätszertifikat für Untersuchungsstellen entwickelt, die dem Stand der Medizin entsprechende definierte Qualitätskriterien erfüllen.

Das neu aufgesetzte Brustkrebsfrüherkennungsprogramm ist das weltweit umfassendste. Frauen im Alter von 45-69 Jahren können  alle zwei Jahre ganz einfach mit der e-card zur Untersuchung zum Radiologen gehen. Für Fragen kann man sich auch an die Telefon-Serviceline 0800 500 181 wenden.

Im Rahmen der Betrieblichen Gesundheitsförderung unterstützen wir Unternehmen in Österreich dabei, die Rahmenbedingungen für altersgerechtes Arbeiten zu schaffen.  Das Programm fit2work unterstützt mit individuellen Beratungsleistungen bei gesundheitlichen Problemen am Arbeitsplatz und mit spezieller Betriebsberatung und Unterstützung beim Eingliederungsmanagement.

Speziell für DiabetikerInnen haben wir ein Disease Management Programm „Therapie aktiv – Diabetes im Griff“ entwickelt. Durch eine verbesserte Betreuungsqualität und Patientenschulungen können wir hier schwerwiegende Folgeerkrankungen wie Erblindungen oder Amputationen vermeiden (www.therapie-aktiv.at).

Auch für Betagte haben wir gezeigt, dass Gesundheitsförderung wirkt: Im Rahmen des Projekts „Gesundheit hat kein Alter“ konnten wir zeigen, dass Menschen in Seniorenwohnhäusern, die an gesundheitsfördernden Bewegungsprogrammen teilnehmen, gesünder und fitter bleiben. Das erhöht ihre Mobilität und erweitert ihren Lebensraum. Eine ältere Frau hat begeistert berichtet, dass sie sich erstmals wieder getraut hat, mit der U-Bahn in die Stadt zu fahren.

Für Menschen über 50 ist auch unser Rauchfrei Telefon ein besonderer Gewinn (Tel.Nr.  0800 810 013http://rauchfrei.at/). Hier unterstützen PsychologInnen Menschen, die mit dem Rauchen aufhören wollen und damit ihr Wohlbefinden verbessern.

BLL: In der EU und auch in Österreich wird immer mehr von “Lebenslanger präventiver Gesundheitsförderung” (Vorsorge) gesprochen. Es wird aber auch erwähnt, dass es im Verantwortungsbereich jedes Einzelnen liegt, wie er lebt und wie alt er wird. Wie schaut es mit der Selbstverantwortung in Österreich aus?

GD Probst: Eigenverantwortung ist relevant. Wenn wir uns nur damit befassen, greifen wir aber viel zu kurz. Die persönliche Situation des Einzelnen, die Rahmenbedingungen der Lebenswelten und die gesetzlichen Rahmenbedingungen ermöglichen und unterstützen vielfach nicht in ausreichendem Maß, dass die gesunde Wahl die leichtere ist.

Wenn wir dennoch zunächst beginnen, müssen wir leider feststellen, dass die Gesundheitskompetenz der ÖsterreicherInnen – das heißt, die Fähigkeit, gesunde Entscheidungen treffen zu können – im internationalen Vergleich unterdurchschnittlich ist. Die andere Seite des Problems ist, dass wir es den Menschen auch nicht leicht machen, gesunde Entscheidungen treffen zu können. Wenn Sie z.B. überhaupt in der Lage waren, den kleingedruckten Text auf der letzten gekauften Lebensmittelpackung zu lesen, dann ist die nächste Frage, war es für Sie verständlich, was zu lesen war und hilfreich im Hinblick auf eine gesunde Kaufentscheidung. Ich meine nein. Vielleicht wäre ein gesundheitsorientiertes simples Ampelsystem hilfreich. Also, wenn wir uns oberflächlich nur mit Selbstverantwortung befassen, greifen wir viel zu kurz.

BLL: Im EU Durchschnitt wird weniger als 3% der Gesundheitsbudgets für präventive Maßnahmen ausgegeben. Wie hoch ist der Anteil in Österreich?

GD Probst: Österreich wendet für Gesundheitsförderung und Prävention 1,8 % der Gesundheitsausgaben auf. Ohne auf Details einzugehen, ist dies ein sichtbares Zeichen, dass wir in Österreich ein sehr reparaturorientiertes Gesundheitswesen haben. In der Gesundheitsreform wurde klargestellt, dass wir uns ein gesundheitsorientiertes Gesundheitssystem wünschen, das alle Politikfelder umfasst. Verkehrspolitik, Arbeitsmarktpolitik, Wirtschaftspolitik, Umweltpolitik und andere Politikfelder sind von entscheidender Bedeutung für die Gesundheit und das Wohlergehen der Menschen.

Die zehn Rahmengesundheitsziele der Gesundheitsreform weisen uns die Richtung. Neun der Ziele sprechen erfreulicherweise Bestimmungsfaktoren für die Gesundheit an (Bewegung, Ernährung, gesundes Aufwachsen etc.) (http://www.gesundheitsziele-oesterreich.at/die-10-ziele/ ). Neben politischen Vereinbarungen und Bekenntnissen werden in den nächsten zehn Jahren insgesamt auch 150 Mio. € zusätzlich für Gesundheitsförderung zur Verfügung gestellt. Gemeinsam wird eine Strategie entwickelt, die Lebenswelten der Menschen gesünder zu gestalten.

BLL: Wenn man sich die Leistungen und Aktivitäten ihres Hauses und der einzelnen Versicherungsträger ansieht, werden bereits viel unterstützende Programme und Aktionen angeboten. Information ist im Leben alles? Glauben Sie, dass die Bevölkerung darüber genug Bescheid weiß?

GD Probst: Wir informieren über unser SV-Portal www.sozialversicherung.at und auch mit papierenen Informationen. Wir wissen aber, dass wir mit differenzierter Nutzung gruppenspezifischer Informationskanäle wirksamer werden müssen.

BLL: Wie sehen Sie das Spannungsfeld zwischen Medizin, Pharmaunternehmen, Gesundheitspolitik und dem einzelnen Bürger?

GD Probst: Grundsätzlich gibt es ein gemeinsames Ziel, das wohl allen AkteurInnen am Herzen liegt: die Gesundheit der Menschen. Daneben gibt es aber auch klare Interessensgegensätze, z.B. das Profitstreben von Pharmakonzernen als Gegenstück zu gesellschaftspolitisch vertretbaren Ausgaben für das Gesundheitssystem und volkswirtschaftlich gerechtfertigten Preisen. Der nicht mehr im Amt befindliche CEO eines großen Pharmakonzerns hat vor ein paar Jahren gemeint, 30 % Gewinn (EBIT) seien aus seiner Sicht vollkommen gerechtfertigt und unproblematisch. Das sehen wir in Österreich in einem öffentlich organisierten Gesundheitssystem etwas anders. Ein Spannungsfeld besteht teilweise auch in der Spitalsplanungspolitik, wo manchmal der Eindruck entsteht, dass mit Geldern des Gesundheitswesens Regionalförderungspolitik betrieben wird und die Gelder des Gesundheitswesens ineffizient verplant werden. Interessenskonflikte sind unser tägliches Brot. Sie sollen transparent und zivilisiert ausgetragen werden. Das gemeinsame Zielsteuerungssystem der Gesundheitsreform gibt hier klarere Richtungen vor und engt die Handlungsspielräume ein. Der Patient wird mehr in den Mittelpunkt gerückt.

BLL: Ein Wort zu den Finanzen, wie geht es eigentlich den einzelnen Krankenkassen finanziell?

GD Probst: Wir haben das durch die Politik vorgegebene Finanzkonsolidierungsziel für die Jahre 2009 bis 2013 übererfüllt. Die einzelnen Krankenkassen bilanzieren derzeit positiv. Das Gesundheitssystem ist aber ein sehr komplexer Bereich, in dem sich immer einiges bewegt. Wir müssen daher immer umsichtig sein, um das System nachhaltig zu sichern.

BLL: Was sind ihre beruflichen und privaten Ziele für dieses Jahr?

GD Probst: Oberste Priorität hat die Umsetzung der Gesundheitsreform und das Thema des längeren Verbleibens der Arbeitnehmer im Berufsleben. Privat möchte ich beim Laufen einen Zahn zulegen.

Vielen Dank für das Gespräch!

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Antworten

Ein Kommentar zu “Dr. Josef Probst im Gespräch”

  1. Alexander B. sagt:

    Der Hauptverband hat mit der Gesundheitsreform gute Vorarbeit geleistet. Aber die Frage wird sein, ob die Politik – speziell die neue Gesundheitsministerin – dies auch zügig umsetzen wird.

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