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Donnerstag, 23. Februar 2012
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Was meint Präs. Dorner zum Gesundheitssystem

WalterDorner cNoll 300dpi1 Was meint Präs. Dorner zum GesundheitssystemBLL: Herr MR. Dr. Walter Dorner, die Österreichische Ärztekammer, deren Präsident Sie sind, schreibt auf ihrer Homepage: „Das österreichische Gesundheitswesen und dessen Finanzierung sind sozial ausgerichtet und beruhen auf den Prinzipien der Solidarität und Subsidiarität“ – fürchten Sie nicht im Zuge der kommenden Einsparungen, die die Bundesregierung im Gesundheitsbereich plant, dass dieser Leitspruch unter die Räder gerät?

Dorner: Wir müssen auf jeden Fall danach trachten, dass dies nicht passiert. Wir haben in Österreich ein hervorragendes Gesundheitssystem, das sich auch wirtschaftlich rechnet und ein starker Jobmotor ist. Die Politik übersieht das leider viel zu oft. Natürlich kann man das Geld nicht mit vollen Händen ausgeben, und natürlich gibt es auch Bereiche, in denen man sparen könnte – aber man muss so ein Projekt vernünftig angehen und nicht willkürlich mit gezücktem Rotstift Posten oder Leistungen streichen, die für eine hochwertige Versorgung der Bevölkerung wichtig wären.

BLL: Viele unserer Leser über 50 Jahre machen sich Sorgen um die zukünftige ärztliche Versorgung in Österreich, ist dies begründet und was wird sich – oder sollte sich ändern?

Dorner: Unsere Ärzteschaft wird zwar immer älter, und es gibt in manchen Regionen bereits Probleme, Ordinationen nachzubesetzen. Das liegt aber nicht daran, dass zu wenig ausgebildete Mediziner zur Verfügung stehen, sondern an den teils unattraktiven Arbeitsbedingungen. Gerade die klassische Ordination für Allgemeinmedizin – also der Hausarzt – ist alles andere als beliebt, einfach, weil die Rahmenbedingungen nicht passen und die jungen Leute sich zu Recht fragen „Warum soll ich mir das antun?“ Hier muss dringend eine Lösung gefunden werden – das fängt bei der umfassenden Ausbildung in Lehrpraxen an und hört bei einer adäquaten Bezahlung auf – von unternehmerischen Leitlinien ganz zu schweigen, denn ein niedergelassener Arzt ist – und das wird immer vergessen – auch Unternehmer. Die ärztliche Versorgung in Österreich ist sicherlich nicht gefährdet, aber man muss schon jetzt die Weichen für attraktivere Arbeitsbedingungen und eine noch bessere Ausbildung stellen.

BLL: Es ist doch für Patienten der Hausarzt die erste Ansprechstelle, anderseits bedeutet das dann weitere Überweisungen und Besuche bei Fachärzten. Könnte dies nicht einer der Hauptgründe für die Überbelastung der Spitalsambulanzen sein?

Dorner: Die Spitalsambulanzen sind in erster Linie deswegen überlaufen, weil viele Menschen erst nach Büroschluss oder am Wochenende die Zeit finden, zum Arzt zu gehen – und viele kommen mit Bagatellen oder erst nach tagelangen Beschwerden ins Spital. Die Österreichische Ärztekammer hat ein Konzept entwickelt, das diese Patientenströme umleiten bzw. koordinieren soll: die Akutordination. Diese soll in Spitalsnähe errichtet werden, den Dienst versehen niedergelassene Allgemeinmediziner und Fachärzte bzw. Spitalsärzte (auf freiberuflicher Basis). Und dann wird geschaut: Braucht der Patient, der gerade bei der Tür hereingekommen ist, eine sofortige ärztliche Behandlung, muss man ihn vor Ort behandeln oder ins Krankenhaus schicken? Oder reicht es, wenn er am nächsten Tag zum Haus- bzw. Facharzt geht? Ich glaube, dass wir mit diesen Akutordinationen, die außerhalb der Spitzenzeiten der Spitäler geöffnet sein sollen, die Belastung von den Spitalsambulanzen nehmen können.

BLL: Warum gibt es so wenige Arztgemeinschaftspraxen?

Dorner: Das Gesetz, das eine Umsetzung der Gruppenpraxis in Form einer GmbH ermöglicht, ist sehr komplex, und der Gründungsprozess ist noch um ein Vielfaches komplizierter. Gemeinschaftspraxen gibt es bereits – in Form einer OG, wie das auch schon vor der neuen Gesetzgebung möglich war. Viele Kollegen fühlen sich mit der OG wohl und wollen nicht wechseln, aber speziell in Wien haben wir zahlreiche Anträge auf Gründung einer GmbH. Das Verfahren ist allerdings langwierig und kompliziert. Dazu kommt, dass das zu Grunde liegende Gesetz erst seit gut einem Jahr in Kraft ist und es in manchen Bundesländern noch keine entsprechenden Verträge mit den Gebietskrankenkassen gibt.

BLL: Im Wiener AKH gingen in den letzten Wochen die Wogen hoch, weil die Stadt Wien auf eine Einsparung drängte. Ist die getroffene Lösung (Überbrückungsfinanzierung)  doch wieder nur ein Kompromiss auf Zeit und wie sehen Sie das?

Dorner: Langfristig wird man eine Lösung finden müssen, die das Fortbestehen von Universität und AKH garantiert. Es freut mich zwar sehr, dass es uns gelungen ist, gemeinsam mit Wissenschaftsminister Töchterle und Gesundheitsstadträtin Wehsely so kurz vor Weihnachten noch eine Einigung zu erzielen. Eine Dauerlösung ist das aber nicht. Der Minister hat klipp und klar gesagt, dass das Geld nur eine Art Darlehen ist. Es ist gut möglich, dass sich dieselbe Situation in absehbarer Zeit wiederholt, aber das lässt sich erst abschätzen, wenn das Budget für 2013 beschlossen ist.

BLL: Was raten Sie als Arzt Menschen ab Erreichen des 50. Lebensjahres? Wann, wie oft und welche Vorsorgeuntersuchungen soll ein Mann oder eine Frau ab 50 durchführen lassen?

Dorner: Bei Männern ist die regelmäßige Untersuchung der Prostata anzuraten, bei Frauen das Mamma-Screening – zusätzlich zur Routine-Vorsorgeuntersuchung, die einmal im Jahr durchgeführt werden sollte.

BLL: Wir von besser länger leben propagieren in all unseren Beiträgen und Inhalten, getreu unserem Motto ein besseres und längeres Leben. Aus Sicht des Mediziners: Was kann der Einzelne tun und dazu beitragen, dass die Kosten des Gesundheitssystems durch weniger Behandlungen, Eingriffe und Reduzierung von Arzneimitteln gesenkt werden können?

Dorner: Das ist eine riesige Baustelle. Die überlaufenen Ambulanzen wurden ja bereits angesprochen – hier würde ich mir neben dem Modell der Akutordination auch wünschen, dass die Menschen mündiger werden und nicht wegen kleiner Wehwehchen gleich den Arzt aufsuchen. Dass es für einen medizinischen Laien oftmals schwer abzuschätzen ist, ob ein ernstes Leiden vorliegt oder nicht, ist die Kehrseite der Medaille. Was aber jeder Einzelne tun kann, ist, gesund zu leben und die Angebote zur Prävention in Anspruch zu nehmen. Gesunde Menschen, die sich vernünftig ernähren und Sport betreiben, nicht rauchen und wenig Alkohol trinken, verursachen langfristig weniger Kosten im Gesundheitssystem. Der Lebensstil ist also ausschlaggebend. Und ein gesundes Leben wird auch belohnt. Gemeinsam mit der Sozialversicherung der Gewerblichen Wirtschaft (SVA) haben wir erst kürzlich ein Modell erarbeitet, das den Versicherten der SVA einen geringeren Selbstbehalt beschert, wenn sie die mit ihrem Hausarzt erarbeiteten Gesundheitsziele einhalten. Man muss den Menschen einen Anreiz bieten, um gesund zu leben. Nur zu sagen „Trinkt weniger Alkohol, esst weniger Schweinsbraten und macht mehr Sport“ ist offensichtlich zu wenig, wir brauchen stärkere Anreize. Im Fall der SVA ist uns das gelungen, und ich bin sehr zuversichtlich, dass das System von den Versicherten gut angenommen werden wird.

BLL: Dürfen wir Sie fragen, was sind ihre beruflichen und privaten Ziele für 2012?

Dorner: Gesundheit steht für mich als Arzt natürlich immer im Vordergrund. Was die Zukunft bringen wird, kann ich nicht sagen. Ich lasse mich überraschen.

Danke für das Gespräch!

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Ein Kommentar zu “Was meint Präs. Dorner zum Gesundheitssystem”

  1. Reinhard sagt:

    Herr Dr. Dorner “würde sich wünschen, dass die Menschen mündiger werden”. Ich würde mir wünschen, dass die Ärzte sorgfältiger werden. Jüngster Anlass: Meiner Frau wurden nach einer Mini-OP am Rücken von ihrer Hausärztin die Nähte gezogen. Doch die Wunde verkrustete sich und wollte nicht heilen (Pfusch Nr. 1). Sowohl im Wiener AKH (Pfusch Nr. 2) als auch in einem Wiener Privatspital (Pfusch Nr. 3) konnte man sich dieses “Phänomen” nicht erklären und schickte meine Frau unverrichteter Dinge heim. Erst ihre Kosmetikerin (!) entdeckte einen verbliebenen Faden und zog ihn. Man sollte sich in diesem Land vielleicht weniger über Ärztemangel als über Kompetenzmangel Gedanken machen…

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