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Dienstag, 24. Oktober 2017
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Der Überlebenskampf ländlicher Nahversorger

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Foto: Miroslaw_pixelio.de

Ein Blick in steirische und niederösterreichische Gemeinden.

„Ein Teufelskreis” ist spontan das Erste, das vielen ExpertInnen zum Thema Nahversorgung im ländlichen Raum einfällt. Gemeint ist die Negativspirale aus Bevölkerungsabwanderung, schwindender Kaufkraft und dem Aussterben kleiner Nahversorger. MAKAM Market Research und FACTUM haben 600 Frauen in ländlichen Gemeinden in der Steiermark und Niederösterreich sowie namhafte ExpertInnen zum Thema befragt.

Frauen arrangieren sich mit der vorherrschenden Nahversorgungssituation

Mehr als zwei Drittel der SteirerInnen und NiederösterreicherInnen sind mit der Nahversorgungssituation in ihren Gemeinden grundsätzlich zufrieden, aber immerhin beinahe ein Drittel sieht Raum für Verbesserungen. Kritisiert wird unter anderem die unzureichende Dichte an Nahversorgungsunternehmen sowie deren geringes Leistungsspektrum. Für rund ein Viertel der befragten Frauen ist die Erledigung der Einkäufe mit einem hohen Zeitaufwand verbunden. Gleichzeitig wird nicht immer auf das bestehende Nahversorgungsangebot zurückgegriffen: für 16% der befragten Frauen sind Sonderangebote ein Grund auch in weiter entfernte Geschäfte zu fahren.

ExpertInnen sehen im breiteren Leistungsangebot großer Einkaufszentren den Hauptgrund für das Abfließen der Kaufkraft der ländlichen Bevölkerung zu diesen Anbietern. Kleine Nahversorgungsbetriebe müssen zunehmend als Multifunktionsgeschäft (Postpartner, Kaffeeecke, Cateringservice, Hauszustellung etc.) fungieren, um am Markt bestehen zu können.

Drei Viertel wählen für ihren Einkaufsweg das Auto

Drei Viertel der in Niederösterreich und der Steiermark befragten Frauen wohnen maximal drei Kilometer vom nächsten Nahversorger entfernt. Die Hälfte aller Befragten könnte diesen in 15 Minuten Fuß- oder 5 Minuten Radweg erreichen. Dennoch erledigen drei Viertel ihre Einkäufe mit dem Auto und lediglich 12% legen den Weg zu Fuß zurück. Weitere 10% wählen das Fahrrad, 1% den öffentlichen Verkehr.

Begründet wird diese Verkehrsmittelwahl mit Großeinkäufen, Bequemlichkeit, Schnelligkeit und Flexibilität. Mag. Bettina Malle von der MARKANT Österreich GmbH betont die Wichtigkeit der Erreichbarkeit der Nahversorgungsbetriebe: “Natürlich sollte der Nahversorger im eigenen Ort liegen und ohne Umwege erreichbar sein. Umso leichter erreichbar, umso weniger wird auf Vorrat gekauft, umso höher ist die Einkaufsfrequenz.” Einfach erreichbar bedeutet den Nahversorger durch ein dichtes Netz an Fuß- und Radwegen zugänglich zu machen und auch die Anbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu attraktivieren.

Einkaufswege sind oft Teil einer Wegkette

Ungefähr die Hälfte der Frauen erledigen ihre Einkäufe zumindest gelegentlich auf dem Weg zum oder vom Arbeits- bzw. Ausbildungsort, zwei Drittel verbinden das Einkaufen damit jemanden zu holen oder zu bringen, die Hälfte mit Freizeitaktivitäten und drei Viertel mit anderen Erledigungen wie etwa Arztbesuchen.

Bewusstsein schaffen, bevor der letzte Nahversorger den Ort verlässt

Nahversorgung schafft Lebensqualität und ist damit einer von mehreren Faktoren, die Zuzugsgemeinden von Abwanderungsgemeinden unterscheiden. Häufig wird der Bevölkerung die Bedeutung eines ortsansässigen Nahversorgers erst klar, wenn dieser den Ort bereits verlassen hat. Dipl.-Ing. Alexandra Schlichting von der Landesregierung Niederösterreich dazu: “Die größte Herausforderung ist, beim Bewusstsein der Konsumenten anzusetzen. Sie sollen bewusst in der Nähe kaufen und nicht bei großen Einkaufszentren. Wenn ein Nahversorger erst einmal aus einem Ort draußen ist, ist es schwieriger, wieder einen hinein zu bekommen.”

Langfristig halten sich engagierte und innovative Händler

Neben der Bewusstseinsbildung sehen die ExpertInnen auch in Anstoßförderungen und der Förderung innovativer Ideen eine Aufgabe der öffentlichen Hand zur Aufrechterhaltung der Nahversorgung. Auch 85% der Steirerinnen und Niederösterreicherinnen stimmen der Aussage zu, dass die Politiker dafür sorgen sollten, dass jede Gemeinde ihren Nahversorger hat.

Langfristig sollten Nahversorgungsbetriebe sich jedoch weitestgehend selbst erhalten können. Dabei ist der Einfallsreichtum und das Engagement jedes einzelnen Händlers gefragt: Pendlerlunchpakete, Frühstückssackerl oder Oma-Enkel-Tage mit speziellen Ermäßigungen sind nur einige von vielen Möglichkeiten, wie Nahversorger KundInnen gewinnen und langfristig binden können.

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